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Das richtige Desinfektionsmittel

Dr. Udo Eickmann

Im Gesundheitsdienst gehört der Gebrauch von Desinfektionsmitteln zur Tagesordnung. Mikroorganismen auf Händen, Instrumenten, Flächen und in der Wäsche müssen inaktiviert beziehungsweise abgetötet werden. Dieser notwendige Vernichtungsprozess wird durch die unterschiedlichsten chemischen Substanzen bewirkt.

Nun sind aber Hunderte von Desinfektionsmitteln auf dem Markt. Eine große Gruppe von Herstellern offeriert die unterschiedlichsten Produkte, und in diesen Produkten finden sich eine Fülle an Inhaltsstoffen. Liest der Verwender das beigefügte Sicherheitsblatt oder die Produktinformation durch, weiß er dennoch oftmals nicht, um welche Stoffzusammensetzung es sich nun genau handelt und ob das entsprechende Desinfektionsmittel auch gut verträglich ist.

Seit vielen Jahren schon bemühen sich Hygieniker, die vielen Desinfektionsmittel zu beurteilen und zu klassifizieren. Das Ergebnis dieser Arbeit sind verschiedene Listen, in denen die Mittel aufgeführt und nach ihrer Wirksamkeit beurteilt werden. Am bekanntesten ist wohl die DGHM-Liste (aktuelle Fassung vom 4. Februar 2002), eine von der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) vorgenommene Klassifikation. Diese Liste enthält neben dem Namen des Produkts die Adresse des Herstellers, die Wirkstoffbasis (meist Wirkstoffgruppen) sowie Angaben zur notwendigen Konzentration beziehungsweise Verdünnung und Einwirkungszeit, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten.

Die Produkte in dieser Liste werden jedoch ausschließlich nach ihrer Wirksamkeit beurteilt. Sicherheitsaspekte spielen bei der Auflistung keine Rolle. Hinzu kommt, dass für die Verwender die Hersteller-Informationen (Sicherheitsdatenblatt, Produktinformation) ziemlich verwirrend sind, weil in einem Präparat oftmals viele unterschiedliche Substanzen zu finden sind, die aber in den verschiedenen Präparaten unterschiedlich bezeichnet werden. Ein und dieselbe Wirksubstanz hat also je nach Produkt einen anderen Namen, und schon ein Fachmann hat Schwierigkeiten, sich in diesem Informationsdickicht und Datendschungel zurechtzufinden. Der Verwender findet also in den seltensten Fällen heraus, was nun genau in einem Desinfektionsmittel enthalten ist und ob dieses Präparat nun vollkommen ungefährlich ist oder nicht.

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) war daran interessiert, die DGHM-Liste etwas durchschaubarer zu machen und auch Sicherheitsaspekte mit einzubeziehen. Deshalb hat ein BGW-Expertenteam rund 200 Hersteller und Lieferanten von Desinfektionsmitteln angeschrieben und um zusätzliche Produktinformationen gebeten. Die große Mehrheit der Hersteller lieferte auch bereitwillig Informationsmaterial zu den produzierten oder vertriebenen Produkten.

Schließlich lagen der BGW-Arbeitsgruppe Herstellerinformationen zu 674 Desinfektionsmitteln vor – das entsprach rund 90 Prozent aller in der DGHM-Liste aufgeführten Produkte. Das Material wurde systematisch erfasst und sowohl herkömmlich in Aktenordnern als auch elektronisch archiviert. Dann wurde das Material unter dem arbeitsschutzrelevanten Blickwinkel ausgewertet und kategorisiert.

2300 Stoffnennungen zählte die Arbeitsgruppe, das ergab eine Liste von 415 unterschiedlichen Stoffen beziehungsweise Stoffgruppen. 29 Prozent aller von den Herstellern genannten Stoffe oder Stoffgruppen konnten nicht als Einzelsubstanzen identifiziert werden, weil entweder keine CAS-Nummer angegeben oder die Herstellerinformation sehr allgemein und verwaschen war — wie etwa »Duftstoffe« oder »organische Säuren«. Übrig blieben schließlich nach der Auswertung 225 identifizierbare chemische Substanzen.

Die CAS-Nummer ist so etwas wie ein »Kfz-Kennzeichen« eines Moleküls, und gleiche Moleküle haben auch die gleiche CAS-Nummer. Aber in den Produktinformationen der DGHM-Liste finden sich für das gleiche Molekül mit der gleichen CAS-Nummer ganz unterschiedliche Namen und Bezeichnungen (siehe Tabelle).

Die BGW-Arbeitsgruppe konzentrierte im Laufe der Untersuchung die Stoffdatensuche auf diejenigen Substanzen, die nicht nur einmal genannt wurden, sondern immer wieder auftauchten. Das ergab eine Liste von 51 Substanzen, und diese 51 Substanzen machen 90 Prozent aller identifizierbaren Stoffnennungen aus. Trotz aller Recherchemöglichkeiten konnte die BGW-Arbeitsgruppe lediglich 34 der 51 Stoffe umfassend identifizieren und auch mit sicherheitstechnischen Informationen versehen, zum Beispiel zur Flüssigkeit und zur Einstufung und Kennzeichnung. Das Ergebnis dieser Recherche ist in einer Tabelle dargestellt.

Desinfektionsmittel sind nicht ungefährlich. Die Arbeitsgruppe musste sieben Substanzen als sensibilisierend einstufen. Hautkontakt sollte mit diesen Desinfektionsmitteln vermieden werden, und die Dämpfe dürfen nicht eingeatmet werden (insbesondere nicht bei Glutaraldehyd). Fünf weitere Substanzen sind als kritisch zu bewerten, sensibilisierende Eigenschaften werden hier diskutiert. Bei 13 Substanzen wurde ein nennenswerter Dampfdruck, bei zwölf Substanzen ein Luftgrenzwert festgestellt. Und der Wirkstoff Glyoxal ist als »möglicherweise erbgutverändernd« einzustufen, Formaldehyd als »potenziell kanzerogen« (jeweils Kategorie 3).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass fast alle Desinfektionsmittel eine Fülle von nicht immer zu klassifizierenden Substanzen enthalten und dass der Umgang mit diesen Mitteln nicht unbedenklich ist, auch wenn sie – wie im Falle der Flächendesinfektionsmittel — verdünnt verwendet werden. Gute arbeitshygienische Bedingungen (zum Beispiel entsprechend den TRGS 525 beziehungsweise der BG-Regel 206 »Desinfektionsarbeiten im Gesundheitsdienst«) sind und bleiben eine wichtige Grundvoraussetzung für sicheres Arbeiten mit Desinfektionsmitteln.


Stoffbezeichnung mit der CAS-Nummer 69011-79-6

Ethoxyliertes Isotridecanol
Fatty-alcohol-ethoxylate 9EO
Fettalkoholethoxylat
Fettalkoholpolyglykolether (3-12 Mol EO)
i-C13-Alkylpolyglycolether
Isotridecanol
Isodecanolethoxylat
Nichtionische Tenside
Oxoalkohol
Oxoalkohol C13 ethoxyliert
Tridecylethoxylat



Die Liste »Häufig deklarierte Inhaltsstoffe in Desinfektionsmitteln« steht auch als Download [85 KB] zur Verfügung.

Quelle: Arbeit und Gesundheit


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